Worauf kommt es bei der Entwicklung zum Wiederkäuer wirklich an?

Optimale Strategien für die frühe Aufnahme von Trockenfutter

Als Wiederkäuer können Rinder Grundfutter ideal als Energie- und Proteinquelle nutzen. Doch dafür bedarf es eines fertig ausgebildeten Vormagensystems mit gut entwickeltem Pansen. Nach der Geburt dauert es bis zu einem halben Jahr, bis die Vormägen völlig ausgereift sind und ihre volle Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen können.

Die optimale Vormagenentwicklung

Da bis zu dem Zeitpunkt die Verdaulichkeit des Grundfutters für die Jungtiere noch gering ist, kommt es auf eine gute Kraftfutterversorgung an. Aus diesem Grund gibt es vielfach die Überzeugung, dass bei Kälbern ausschließlich leicht verdauliches Kraftfutter zum Einsatz kommen sollte. Tatsächlich sorgen Butter- und Propionsäure, als Abbauprodukte leicht verdaulicher Kohlenhydrate, im Pansen für eine gute Entwicklung der Pansenzotten. Dadurch wird im Pansen eine enorme Oberflächenvergrößerung erreicht und die flüchtigen Fettsäuren, die bei der Verdauung im Pansen entstehen, können optimal aufgenommen werden.

Quelle: Penn State University

Doch es hat sich vielfach gezeigt, dass eine rein auf Kraftfutter basierende Ernährung der Kälber während und nach dem Absetzen nicht anzustreben ist. Dafür gibt es zwei Gründe:

  1. Der Pansen benötigt Raufutter mit gut strukturierter Rohfaser, damit die Vormagenmotorik positiv stimuliert wird. Die Pansenwand wird gestärkt und ein gewisser Dehnungseffekt fördert das Größenwachstum des Pansens. Außerdem sorgen strukturierte Raufutterelemente dafür, dass die sich neu entwickelnden Pansenzotten nicht verkleben.
  2. Ein hoher Anteil leicht verdaulicher Kohlenhydrate (aus dem Kraftfutter) sorgt im Pansen für ein andauerndes saures Milieu. Die hohen Mengen kurzkettiger Fettsäuren können im Pansen noch nicht ausreichend gepuffert und ins Blut übernommen werden. Diese latente, subklinische Pansenazidose kann, ähnlich wie bei Kühen, auch die Kälbergesundheit belasten und zu Entwicklungsverzögerungen (fehlende Zunahme, Fressunlust, geschwächte Immunabwehr) führen. Im schlimmsten Fall verlagert sich das Problem in den Darm, wo dann aus der subklinischen (ohne Anzeichen) eine klinische Azidose mit Durchfall wird. J.K.van Niekerk et al., 2020 University of Alberta

Daher sollte den jungen Kälbern in jedem Fall neben dem Kraftfutter auch Raufutter in Form von Heu, guter Silage oder schmackhaftem Stroh angebotenen werden.

Wann stelle ich auf Kraft- und Raufutter um?

Das neugeborene Kalb kann ausschließlich Milchbestandteile verwerten. Die Enzyme im Labmagen sind auf die Verdauung von Milcheiweiß und Milchzucker angepasst (Laktase bzw. Chymosin und Kathepsin). Erst nach 3–5 Wochen ändert sich das und die Verdauungsenzyme Amylase zur Verdauung von Stärke sowie Pepsin und Trypsin zum Aufschluss von Pflanzeneiweiß beginnen zu dominieren.

Tatsächlich beobachtet man erst nach einem Alter von 4 Wochen, dass die Kraftfutteraufnahme der Kälber langsam steigt. Bei intensiver Fütterung (z. B. ad libitum) kann das noch später sein.

Trotzdem ist es sinnvoll, den Kälbern das Raufutter bereits in den ersten zwei Lebenswochen anzubieten. Die Kälber spielen damit und gewöhnen sich bereits an den Geruch, Geschmack und die Textur des Futters. Besonders durch das frühe Angebot von Kraftfutter wird auch das Enzymsystem in seiner Entwicklung positiv beeinflusst und die Pansenentwicklung frühzeitig gefördert (s.o.). Das Angebot von Heu in Raufen, Netzen oder Spielbällen fördert zudem die Aktivität der Kälber.

Spielen mit dem Futter

Praktisch geschieht das so, dass den Kälbern nur eine kleine Menge in Schalen (z.B. in Einzel- oder Twin-Hütten) angeboten wird. Wichtig ist, dass es keine Reste gibt, die feucht werden und schimmeln können. Wenn die Futteraufnahme steigt, d.h. die Schale ist zur nächsten Fütterung leer, erhöht man einfach die vorgelegte Menge.

Wenn die Kälber ca. 1,5 % ihres Körpergewichtes an Kraftfutter aufnehmen, könnte man mit dem langsamen Abtränken von Milch beginnen (z. B. 1200 g bei einen 80 kg schweren Kalb).

Wasser nicht vergessen

Es sollte eigentlich nicht mehr notwendig sein, auf die Bedeutung des billigsten Futtermittels hinzuweisen, doch noch immer sieht man große Mängel bei der Wasserversorgung der Kälber. Sei es die Hygiene oder schlicht der Fakt, dass vor vielen Einzelhütten keine Wasserschale zu finden ist.

Fest steht: Wir sind nicht nur gesetzlich, sondern auch ethisch verpflichtet, allen Tieren frisches Wasser anzubieten und das schließt junge Kälber mit ein.

Was viele vielleicht auch nicht immer bedenken, ist die Tatsache, dass der Pansen Wasser benötigt, damit in ihm die entsprechenden Fermentierungsprozesse ablaufen können und sich eine gesunde Bakterienflora bildet. Das kann Milch selbst bei Ad-libitum-Angebot nicht erreichen, denn die fließt über die Schlundrinne direkt in den Labmagen.

Daher: Wer eine frühe Kraftfutteraufnahme und eine schnelle Pansenentwicklung wünscht, muss seinen Kälbern von Anfang an Wasser anbieten!

Umstellen auf „Jungviehfütterung“

Kälberkraftfutter oder Müslis sind relativ teuer. Daher stellt sich die Frage, wann man auf Silage (vorzugsweise die Hochleistungsration der Milchkühe) umstellen sollte. Die Antwort findet sich zu Beginn dieses Blogs: Das Vormagensystem der Färsen ist erst mit ca. ½ Jahr vollständig ausgereift. Daher sollte bis zu diesem Zeitpunkt zumindest hochwertiges Kraftfutter zugefüttert werden. Dabei muss man allerdings immer die Konditionierung der Tiere im Auge behalten. Doch allgemein gilt, dass man die Färsen bis zu 6 Monate durchaus intensiv füttern kann und sollte, um hohe Zunahmen in dieser wichtigen Entwicklungsphase der Kälber zu erreichen.

Wichtig sind die Übergänge. Das Füttern von Silage ist in vielen Kälberställen bauartbedingt schwierig (kein Platz, keine Durchfahrt mit dem Futtermischwagen möglich, etc.). Außerdem ist fraglich, wie mit Futterresten, von denen zu Umstellungsbeginn viel anfällt, verfahren wird. Was vorher aufwendig hineingebracht wurde, muss am nächsten Tag wieder entfernt werden.

2 verschiedene Futtermittel im Angebot

Zusätzlich sind zu viele Umstellungen für die Tiere zu einem Zeitpunkt nicht empfehlenswert. Daher ist auch die Umstallung in den Jungviehstall zu berücksichtigen. Das folgende Vorgehen könnte eine Lösung sein:

  • Im Kälberstall werden die Kälber noch 2–4 Wochen nach dem vollständigen Absetzen mit Kraftfutter und Heu oder mit Trocken-TMR gefüttert.
  • Nach dem Umstallen bekommen die Kälber im Jungviehstall neben der bekannten Kälbermischung aus Kraftfutter und Heu oder der Trocken-TMR bereits die Folgemischung (Silage) angeboten. Erst wenn die Kälber die Silageration gut aufnehmen, wird die Kälbermischung langsam abgesetzt.

Wenn erst im Jungviehstall mit der Silagefütterung begonnen wird, fallen auch die Futterreste der Kälber nicht so schwer ins Gewicht, weil man diese ggf. an die älteren Jungtiere verfüttern kann.

Kraftfutterspender und Raufuttertrog
Kraftfutterspender und Raufuttertrog